Auch ich bin Urheber!

Unter dem Titel “Wir sind die Urheber” haben sich 100(?) AutorInnen und andere Kulturschaffende vor den Karren der Content- und Verwertungsindustrie spannen lassen, um Forderungen nach Zensur und Bespitzelung im Internet und noch weitergehende Kriminalisierung der MediennutzerInnen zu unterstützen. [Eine Verlinkung spare ich mir hier mal, das tun schon viel zu viele andere, auch und gerade kommerzielle Medien. Soll keine Zensur sein, sondern nur ein kleines Gegengewicht. Googelt danach, wenn ihr es lesen wollt.]

Auf der einen Seite: schön für mich, spare ich doch Hunderte von Euro im Jahr für Bücher und andere Kulturgüter, weil diejenigen der Unterzeichner, die mir bisher am Herzen lagen, nun weniger Berücksichtigung in meinen Kaufentscheidungen finden werden als zuvor. Auf der anderen Seite: Habt ihr sie noch alle, KollegInnen?! Für was für eine Welt und Gesellschaftsordnung tretet ihr da ein? Und übrigens: Irrtum! Ihr seid gar nicht DIE Urheber, sondern ihr seid Urheber. Es gibt nämlich auch andere unter uns, die nicht so engstirnig und einseitig denken wie ihr und nicht für ein paar Euro mehr im Jahr in den totalen Überwachungsstaat schlittern möchten!

Ich habe mir mal die Freiheit genommen, folgende Mail an die auf der Kampagnewebsite angegebene Kontaktadresse zu senden:

Sehr geehrte Initiativenmacher,

lassen Sie mich als doppelt Betroffener (Urheber und Konsument) einige Worte zu Ihrer Kampagne loswerden.

Ich bewohne seit über 15 Jahren “das Netz” und bestreite meinen Lebensunterhalt vorwiegend durch selbiges. Als Autor von über 20 Büchern (überarbeitete Neuauflagen mitgerechnet) bin ich jedoch auch Urheber im Sinne der vorliegenden Kampagne. Und als solcher Urheber macht mich hier vor allem eine Sache unsäglich wütend: dass sich andere Urheber vor den Karren solcher einseitigen und durchsichtigen Kampagnen sperren lassen. Ich habe etliche Werke von einigen der Unterzeichnenden gekauft (jawohl, legal gekauft, für echtes Geld!). Natürlich haben diese eigentlichen Urheber selbst nur einen kleinen Teil dieses Geldes erhalten (als Autor kenne ich Verlagsverträge sehr gut und weiß, dass Belletristik-Autoren einen noch geringeren Anteil erhalten als wir Fachbuchschreiber). Dennoch werden die KollegInnen wohl kaum auf die Idee kommen, Buchhändler, Verlage und Verwertungsgesellschaften als “Diebe” zu beschimpfen, die sie um ihren wohlverdienten Lohn bringen. Als Käufer von Medien in nicht unerheblichen Mengen bin ich jedoch mehr als müde, mich stets als vermeintlicher Verbrecher verdächtigen und beschimpfen zu lassen – beispielsweise in nicht überspringbaren Vorspännen gekaufter(!) DVDs und BluRays.

Aber zur Sache: Ich kenne mich im Netz gut genug aus, um zu wissen, dass meine Publikationen bei diversen Filehostern zu finden sind, und was es sonst noch für inoffizielle Verbreitungswege geben mag. Und wissen Sie alle was? Es ist mir so gut wie egal. Ich kann gut damit leben. Denn einige meiner Publikationen stehen sogar OFFIZIELL kostenlos im Netz, und die gedruckten Ausgaben verkaufen sich dadurch nicht etwa schlechter, sondern besser. Das einzige, womit ich nicht leben kann, ist der Tatbestand des Plagiats: wenn jemand meine Arbeit als seine eigene ausgibt. Ist mir bereits vereinzelt passiert im Leben, und dagegen bin ich vorgegangen und werde dies auch jederzeit wieder tun. Dies ist nämlich das WAHRE Urheberrecht: das Recht des Urhebers, als solcher anerkannt zu werden. (Witzigerweise war es ja u.a. ein bekannter Adliger aus einer bekannten “Raubkopierer sind Verbrecher”-Partei, der massiv dagegen verstoßen hat. Und gewisse Verlage – insbesondere solche, die dieses an den Haaren herbeigezogene “Leistungsschutzrecht” fordern – bedienen sich ja auch gern ohne zu fragen und ohne ausreichende Quellenangaben im Netz.)

Verstehen wir uns nicht falsch: Ich weiß sehr gut, dass Schreiben, Musizieren, Zeichnen/Malen, Fotografieren, Schauspielern, Regie führen usw. anspruchsvolle Tätigkeiten sind, die von vielen mit Leib und Seele betrieben werden. Und selbstverständlich sollen diejenigen, die diese Tätigkeiten ausüben, im Rahmen des bestehenden, geldbasierten Systems (über das bei Gelegenheit auch zu reden sein wird), angemessen dafür vergütet werden. Ich werde selbst dafür bezahlt, und ich zahle dafür – kaum jemand, den ich kenne, hat eine größere Bücher-, Comic-, CD- und Filmsammlung als ich. “Davon leben”, was ja viele Kreative für sich fordern, kann ich freilich nicht. Das Bücherschreiben ist ein nettes Zubrot, reicht aber allein nicht, um meine Familie und mich zu ernähren (dafür leben einige Buchhändler, die bei weitem das größte Stück des Kuchens bekommen, recht gut davon — von mir aus sollen sie; ich persönlich finde Verkaufen wesentlich schwieriger als Schreiben). Soll ich nun darüber jammern, dass ich “nicht davon leben kann”, oder wie bisher verschiedene Tätigkeiten und Einkommensquellen mischen? Letzteres finde ich vernünftiger, Jammern ist Energieverschwendung (wenn man kein mächtiger Lobbyverband ist, der sich seine Jammerei in Gesetze gießen lassen kann).

Darüber hinaus bin ich mit einigen bestehenden Regelungen und Forderungen nicht im Geringsten einverstanden – als Urheber, als Konsument, als Wähler und als “Netzbewohner”:

* Zuerst grundsätzlich: Hört auf, von “Urheberrecht” zu reden, wenn ihr Verwertungsrecht meint!

* Wenn ich Urheberrechtsabgaben auf Geräte und Leermedien zahle, dann möchte ich gefälligst auch entsprechend kopieren dürfen. GLEICHZEITIG diese Abgaben ständig zu erhöhen UND das Kopieren zu verbieten/zu erschweren ist schlicht absurd.

* Als Konsument möchte ich das Recht haben, Medieninhalte in dem Format und zu der Zeit zu erwerben, wann es mir passt. Es kann nicht sein, dass mir (z.B. durch IP-Sperren in Webshops und Regionalcodes auf DVDs) verweigert wird, z.B. US-TV-Serien im Original LEGAL ZU KAUFEN, bloß weil irgendein deutscher Sender sie hier Jahre später in einer (meist ohnehin vollkommen unbrauchbaren) deutschen Synchronfassung ausstrahlen wird. Wisst ihr was, Medienfirmen? Ihr VERLIERT dadurch GELD!

* Es ist absolut unverhältnismäßig, wegen angeblicher “Urheberrechtsverletzungen” (s.o.) das Netz zu überwachen, zu bespitzeln und zu sperren. HADOPI in Frankreich beispielsweise liegt dieselbe Geisteshaltung zugrunde wie denjenigen, die Dieben die Hand abhacken. Und laut Artikel 5 GG findet in der Bundesrepublik keine Zensur statt. Nachdem die Leute die Märchen von “Terrorbekämpfung” und dergleichen nicht mehr glauben, wird nun ja wenigstens Klartext geredet. Und die Geschichte des Stoppschildgesetzes von Frau von der Leyen kennen wir ja auch noch alle ganz gut.

Mir würde bestimmt noch mehr einfallen, aber ich belasse es fürs Erste dabei. Zum Abschluss vielleicht noch ein kleiner Vergleich zum Nachdenken: Würde in der heutigen Welt ein Replikator wie bei Star Trek erfunden – er würde nicht benutzt, um die Hungernden zu füttern und die Frierenden zu kleiden, sondern von einigen geldgeilen Konzernen und ihren Anwälten missbraucht, um Gott und die Welt wegen des “Replizierens urheberrechtlich geschützter Waren” zu verklagen.

Mit freundlichen Grüßen, und in dem Bewusstsein, dass meine Mail ohnehin ungelesen in den Papierkorb wandert
Sascha Kersken

P.S.: Bei einigen Namen auf der Unterzeichnerliste bin ich nicht im geringsten überrascht. Bei anderen dagegen durchaus — jedes Wort, das sie je für gesellschaftlichen Fortschritt geäußert haben, muss als pure Heuchelei erscheinen, nachdem sie dieses Pamphlet unterschrieben haben.

About Sascha Kersken

Ich habe seit 1983 Computer-Erfahrung und hatte das Glück, mein Hobby nach dem Abitur und einigen Umwegen zum Beruf zu machen. Ich arbeite bei der dimensional GmbH in Köln als Senior Developer, unter anderem mit PHP und Java. Seit 1996 bin ich zusätzlich als freiberuflicher Dozent in den Bereichen Administration, Programmierung und Webentwicklung mit Schwerpunkt LAMP tätig, außerdem als Fachbuchautor und -übersetzer. Eine andere meiner großen Leidenschaften ist die Belletristik; 2016 erschien im Self-Publishing mein erster Roman “Göttersommer”, der Teil 1 einer Trilogie ist.

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3 Responses to Auch ich bin Urheber!

  1. Skandal!
    Du kannst deine Bücher doch unmöglich digital und kostenlos anbieten. Wo kommen wir denn da hin? Damit wird doch eindeutig den Verwertungsgesellschaften ihr wohlverdientes und rechtmäßig bedingungsloses Grundeinkommen vorenthalten.
    Sowas gehört abgemahnt. Bevor andere sich noch ein Vorbild an sowas nehmen…

    Grüße
    Stefan

    PS: Wer Ironie findet, darf sie behalten.

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