Was ich lese — Fiktion (2): A Song of Ice and Fire

„If you play the game of thrones, you win, or you die. There is no middle ground.“

Seit J.R.R. Tolkien vor über 60 Jahren die moderne High Fantasy erfand, ist das Genre zu einem Bestsellergaranten geworden — und das, obwohl allzu viele Bücher mehr oder weniger den „Herrn der Ringe“ kopiert und verwässert haben. Doch dann kam George R.R. Martin, vormals eher Science-Fiction- als Fantasy-Autor, und legte 1996 mit „A Game of Thrones“ den Grundstein für seine außergewöhnliche Buchreihe „A Song of Ice and Fire“ (deutsch: „Das Lied von Eis und Feuer“), die seit 2011 als Fernsehserie „Game of Thrones“ ein Millionenpublikum begeistert. Aber warum eigentlich? Was ist das Besondere an diesen Büchern und dieser Show?

Die meisten Werke der High Fantasy — insbesondere die erwähnten Trivialkopien von Tolkien — haben ein klares Gut-Böse-Schema: es gibt strahlende Helden und finstere Schurken, die gegeneinander antreten, und am Ende gewinnen natürlich die Helden. So vorhersehbar, so Hollywood-klischeehaft. Schon in diesem Punkt ist Martins Reihe anders: die brutale und teilweise magische Welt der Kontinente Westeros und Essos wird von gewöhnlichen Menschen bewohnt. Sie alle haben Stärken und Schwächen, Tugenden und Fehler, und müssen aufgrund unzureichender und oft auch widersprüchlicher Informationen weitreichende Entscheidungen treffen, bei denen es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod geht. Es handelt sich um Menschen wie uns, wie es sie heute noch gibt, deren Motive wir oft nachvollziehen können.

Von den geplanten sieben Bänden sind bisher fünf erschienen:

  • A Game of Thrones
  • A Clash of Kings
  • A Storm of Swords
  • A Feast for Crows
  • A Dance with Dragons

Die beiden letzten, von allen Fans sehnsüchtig erwarteten Bände werden „The Winds of Winter“ und „A Dream of Spring“ heißen.

Am günstigsten sind die ersten fünf Bücher (auf Englisch) in einem Box-Set* zu haben. Vom ersten Band gibt es zum zwanzigjährigen Jubiläum aber auch eine liebevoll illustrierte Ausgabe.

Neben den Hauptbänden gibt es noch zwei andere empfehlenswerte Bücher über die Welt von Eis und Feuer: den großen pseudohistorischen Bildband „The World of Ice and Fire“ und „A Knight of the Seven Kingdoms„, eine Sammlung von bisher drei Erzählungen über den Ritter Ser Duncan the Tall und seinen Knappen „Egg“ (der spätere König Aegon V Targaryen), die etwa 90 Jahre vor den Ereignissen in der Romanreihe spielt und auch irgendwann fortgesetzt werden soll. Schließlich sind zwei Kurzgeschichten erschienen, die noch einmal einige Jahre vor den Erlebnissen von Dunk & Egg spielen: die erste ist „The Princess and the Queen“ über einen Erbfolgekrieg zwischen zwei Targaryen-Fraktionen, der in der Geschichte der Sieben Königreiche als „Dance of the Dragons“ bekannt wurde, erschienen in der Anthologie „Dangerous Women„, herausgegeben von George R.R. Martin und Gardner Dozois. Die andere Kurzgeschichte trägt den Titel „The Rogue Prince“ und findet sich in der Anthologie „Rogues“ von denselben Herausgebern; sie fungiert als eine Art Prequel oder Nebengeschichte zu „The Princess and the Queen“.

Der Vollständigkeit halber folgt auch eine Liste dessen, was in deutscher Übersetzung zu haben ist. Empfehlen würde ich diese Übersetzungen nicht unbedingt (solange die interessierten LeserInnen einigermaßen Englisch können), denn erstens sind sie im Vergleich zu den englischen Ausgaben sehr teuer (je 15 Euro für einen der zehn Bände, die jeweils ein halbes Originalbuch abdecken), und zweitens wurden die Namen von Personen und Orten relativ willkürlich eingedeutscht. Was im Herrn der Ringe hervorragend funktioniert, weil Tolkiens Werke in einer relativ entrückten Fantasy-Welt spielen, wirkt hier grotesk bis unfreiwillig komisch, denn Westeros hat seine Wurzeln überwiegend im englischen Mittelalter. Hier aber dennoch die Liste:

Worum geht es?

Die Sieben Königreiche des Kontinents Westeros wurden vor knapp dreihundert Jahren von der Herrscherfamilie Targaryen unterworfen, die ursprünglich vom Nachbarkontinent Essos stammte, genauer gesagt aus Valyria, einem Gebiet, das durch eine große Katastrophe („Doom of Valyria“) praktisch unbewohnbar wurde. Vierzehn Jahre, bevor die Handlung des ersten Romans beginnt, wurde der letzte Targaryen-Herrscher, „Mad King“ Aerys II, in einem Bürgerkrieg abgesetzt und getötet, und seitdem sitzt Robert Baratheon auf dem Thron. Die Jahre seit Aerys‘ Tod waren friedlich, aber zu Beginn der Geschichte droht Unheil an mehreren Fronten: in einer politischen Intrige wurde Jon Arryn, die „Hand of the King“ (eine Art Stellvertreter) ermordet, und Robert befürchtet, dass man auch ihm nach dem Leben trachtet. Gleichzeitig naht der Winter, der — wahrscheinlich aufgrund von Magie — viele Jahre dauern kann, und im hohen Norden regen sich die White Walkers, eine Art Zombiearmee. Dies geschieht jenseits der Mauer, die einst errichtet wurde, um die Sieben Königreiche vor den finsteren Mächten auf der anderen Seite zu schützen, und die von der Nights Watch bewacht wird.

Robert reist mit seinem ganzen Hofstaat in das Reich des Nordens (südlich der Mauer), um den Statthalter dieses Gebiets, seinen alten Freund Eddard „Ned“ Stark zu bitten, neue Hand of the King zu werden. Mit ihm kommen unter anderem seine Frau Cersei, die der sehr reichen und machthungrigen Familie Lannister entstammt, sowie die drei Kinder Joffrey (der Kronprinz), Myrcella und Tommen und die beiden Geschwister der Königen: ihr Zwillingsbruder Jaime (ein Ritter, der der siebenköpfigen Königsgarde angehört) und ihr kleinwüchsiger jüngerer Bruder Tyrion (The Imp genannt), ein kluger, belesener Genussmensch mit einem Mundwerk, das ihn manchmal in gefährliche Situationen bringt. Es gibt Gerüchte über die illegitime Geburt von Cerseis Kindern, und recht bald erfahren wir, dass es erstens mehr als Gerüchte sind und dass Jon Arryns Tod zweitens sehr wahrscheinlich mit dieser Tatsache im Zusammenhang steht.

Gleichzeitig im benachbarten Essos: Viserys Targaryen, der überlebende jüngere Sohn von Mad King Aerys, verschachert (man kann es nicht anders sagen) seine Schwester Daenerys an den Reiterfürsten Khal Drogo, der sie heiratet. Trotz dieses, gelinde gesagt, ungünstigen Beginns ihrer Ehe verlieben sich die beiden von ganzem Herzen ineinander, und Dany wird vom schüchternen Mädchen zur selbstbewussten Herrscherin. Verrat, Rückschläge und militärische Niederlagen nimmt sie hin, denn sie hat ein Ziel: die Sieben Königreiche zurückerobern.

Mehr soll hier über die Handlung gar nicht verraten werden, denn für diejenigen, die sie noch nicht kennen, ginge das nicht ohne Spoiler, und für diejenigen, die die beliebte Bearbeitung in Form der Fernsehserie „Game of Thrones“ gesehen haben, wäre es zu langweilig, denn gerade deren erste Staffel orientiert sich noch fast hundertprozentig am ersten Buch; erst später gibt es größere Abweichungen, und in der kürzlich ausgestrahlten sechsten Staffel hat die Serie die Handlung der bisher erschienenen Bücher teilweise überholt.

Geschichte trifft Fantasy

Das World Building der Romanreihe und der Nebenbände ist überragend. Wenngleich es Fantasy-Elemente wie Drachen und White Walkers gibt, basieren die Welt und zentrale Ereignisse auf Ereignissen der britischen, europäischen und Weltgeschichte. So ist der zentrale Konflikt in Westeros mit dem „War of the Roses“ vergleichbar, einem Erbfolgekrieg in England zwischen 1450 und 1480. Sogar die Namen der Herrscherhäuser, die um die Vorherrschaft kämpften, sind ähnlich: York und Lancaster in den Rosenkriegen, Stark und Lannister in Westeros. Auch andere, teilweise sehr blutige und grausame Geschehnisse haben historische Vorbilder. So gibt es in Band 3 die berüchtigte „Red Wedding“, eine Hochzeit, bei der aus politischen Gründen zahlreiche Gäste ermordet werden. In unserer Welt hat ein Ereignis namens „Black Dinner“ stattgefunden, bei dem Ähnliches geschah. Aegon Targaryen, ein Ausländer, der Westeros eroberte, ähnelt William the Conqueror (und „Targaryen“ klingt wiederum ein wenig nach „Plantagenet“), auch wenn Letzterer natürlich keine Drachen in seiner Streitmacht hatte.

Während Westeros weitgehend Großbritannien entspricht (mit dem eher vom mittelalterlichen Spanien inspirierten Dorne an der Südspitze), findet sich in Essos ein Sammelsurium an Kulturen, die von Vorbildern aus Südosteuropa, Nordafrika und Vorderasien inspiriert wurden, von der Antike bis in die frühe Neuzeit. Eine weitere wichtige Inspirationsquelle sind sicherlich die Werke William Shakespeares, der ähnlich frei mit historischen Quellen umgeht, um zeitlose Geschichten über Macht und Ohnmacht, Krieg und Frieden oder Hass und Liebe zu erzählen.

Sehr bestechend an den Romanen ist schließlich die Erzählperspektive: statt eines allwissenden Erzählers gibt es einen gemischten Chor von Point-of-View-Charakteren; in den ersten drei Bänden sind die Kapitel auch durchweg schlicht mit den Namen des jeweiligen Protagonisten überschrieben. Wir als LeserInnen wissen jeweils nur, was diese Charaktere wissen, können uns aber aus der Vielstimmigkeit das große Ganze zusammenpuzzlen. Und man fiebert in gewisser Weise mit, selbst mit eher unsympathischen Charakteren wie der machtgierigen Königen Cersei oder Theon Greyjoy, der von den Iron Islands (einer Art Wikingerkultur) stammt und nach einem Aufstand seines Vaters als (gut behandelte) Geisel der Starks aufwuchs. Am faszinierendsten sind die starken Frauen- und Mädchenfiguren, die alle ihren eigenen Weg finden, sich in einer männerdominierten und frauenfeindlichen Welt durchzusetzen. Echte Protagonisten gibt es aber kaum, denn wer gerade noch eine wichtige Hauptfigur zu sein scheint, ist im nächsten Moment tot; fast niemand ist sicher.

Alles in allem: unbedingte Leseempfehlung für dieses riesige, überwältigende Panorama aus Geschichte, Fantasy und menschlichen Leidenschaften. Ich freue mich schon auf Band 6, der hoffentlich in den nächsten Monaten erscheinen wird. Und natürlich auf Staffel 7 der HBO-Serie, die am 26. Juni 2017 starten wird.

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Über Sascha Kersken

Ich habe seit 1983 Computer-Erfahrung und hatte das Glück, mein Hobby nach dem Abitur und einigen Umwegen zum Beruf zu machen. Ich arbeite bei der dimensional GmbH in Köln als Senior Developer, unter anderem mit PHP und Java. Seit 1996 bin ich zusätzlich als freiberuflicher Dozent in den Bereichen Administration, Programmierung und Webentwicklung mit Schwerpunkt LAMP tätig, außerdem als Fachbuchautor und -übersetzer. Eine andere meiner großen Leidenschaften ist die Belletristik; 2016 erschien im Self-Publishing mein erster Roman "Göttersommer", der Teil 1 einer Trilogie ist.
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